„Sammeln Sie Treuepunkte?“, fragt die Kassiererin. Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch und starre sie für einen Moment überfordert an. Auf ihren fragenden Blick hin, lehne ich ab und bedanke mich. Mit gefüllten Tüten und voller Gedanken mache ich mich auf den Heimweg.

Treuepunkte. Man sammelt und sammelt und am Ende wird man belohnt. Für seine Treue.

Aber bin ich einem Laden wirklich treu? Ich meine, ich gehe auch ab und an woanders hin. Wenn ich nur eine Packung Milch brauche zum Beispiel. Oder wenn ich gerade in der Stadt bin. Geh ich dann fremd?

Treue ist das Festhalten an einer einmal eingegangenen Bindung zu jemandem oder etwas.

Bezieht man das Treuepunktesystem auf unsere Beziehungen, macht es nicht mehr allzu großen Sinn. Immerhin bekommen wir keine Belohnung, wenn wir zwar regelmäßig bei unserem Partner vorbeischauen, aber trotzdem noch den ein oder anderen nebenher besuchen. Belohnt wird man tatsächlich nur, wenn man dem Einen treu ist. Als Preis dafür gibt es im besten Fall die Treue des Partners, die um einiges mehr wert ist als eine ultrahoch erhitzbare Bratpfanne oder der neueste Smoothie-Maker.

Vor Kurzem wurde mir von einem Pärchen erzählt. Sie steht kurz vor einer halbjährlichen Reise. Er bleibt daheim. Sie schlägt ihm vor für die Dauer ihrer Abwesenheit eine Pause zu machen – eine Beziehungspause. Er lehnt ab. Soweit so gut. Die Beziehung bleibt also auch während ihrer Reise bestehen. Offiziell zumindest. „Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß“ oder „Was dort passiert, bleibt auch da“ – jeder kennt sie. Diese bösen Stimmen die Zweifel säen. Für den einen eine Ausflucht, für den anderen die ständige Angst.

Das Problem mit der Treue ist, wenn sie aufgezwungen wird, funktioniert sie nicht. Ob aus Trotz. Aus Freiheitswillen. Oder schlichtweg aus Gleichgültigkeit. Man entscheidet sich entweder dafür oder dagegen – von sich aus.

 

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Beziehungen basieren in den meisten Fällen auf Treue. Offene Verhältnisse ausgenommen. Aber auch eine Beziehung geht man freiwillig ein. Man entscheidet sich entweder dafür oder dagegen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, macht Untreue so gar keinen Sinn. Warum an etwas festhalten, wenn man es doch gar nicht will? Warum jemanden hintergehen, für den man sich doch selbst entschieden hat?

Vielleicht liegt es an der Bequemlichkeit. Dinge wirklich anzufassen. Dinge zu klären. Das bereitet Mühe. Das kann kräftezehrend sein und ermüden. Aber am Ende gibt es ein Ergebnis. Ob gut, ob schlecht, das sei dahingestellt. Viel einfacher erscheint es doch zu flüchten. Mal rauszukommen. Abzuschalten. Vielleicht ein bisschen Action nebenher, wenn zuhause nichts mehr läuft. Und an schwachen Tagen einfach wieder ins gemachte Nest kriechen.

Nur ist der einfache Weg, nicht immer der richtige.

Aber hey, die Hoffnung stirbt zuletzt. „Wenn die Richtige kommt, dann bin ich vielleicht treu.“ Immerhin. Ein Licht am Ende des Tunnels. Nur kann es sein, dass die Untreue die Richtige schlichtweg daran hindert sich einzulassen. Sich einzulassen auf etwas Richtiges.

Auch wenn es in unseren Beziehungen kein Punktesystem gibt, basieren sie doch häufig auf Treue. Egal ob zu Freunden oder zu einem Partner.

Wir sollten festhalten, wofür wir uns entschieden haben.


Fotos: Christian Kirschner | Photography

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6 comments on “PERSONAL: Sammeln wir Treuepunkte?
  1. Viola

    Das stimmt! Treue ist ja generell so eine Sache in der heutigen Zeit voller Möglichkeiten und die schnelllebiger nicht sein könnte. Irgendwie ein Kompromiss. Irgendwie eine Grenze, die aber Spaß macht.

    Finde die Bilder auch schön, passen gut zum Post!
    Ich mag wie du schreibst!

    Liebe Grüße,
    Viola
    violak.com

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